
Angst - ein schlechter Ratgeber?
Oft hören wir, dass die Angst ein schlechter Ratgeber sei. Auch ich habe das einige Zeit lang gedacht. Und es ist auch teilweise wahr. Je nachdem, wie wir die Angst nutzen.
Hinweis: In diesem Artikel geht es nicht um das biologische Programm "Angst", wenn wir einen Säbelzahntiger sehen. Sondern um die Ängste, die durch Sozialisation, Erfahrungen und Prägungen entstehen.
Angst als Indikator zur Flucht und Vermeidung
Ängste steuern uns, wenn sie unbewusst sind. Angst gilt körperlich als Indikator, eine Situation zu verlassen (Flucht), einer Situation auszuweichen (Vermeidung), eine Situation zu bekämpfen (Kampf) oder ohnmächtig zu werden (Erstarrung). Es ist ein gesunder und wertvoller Mechanismus, wenn tatsächlich Gefahr droht.
Doch meist sind wir gar nicht in tatsächlicher Gefahr, wenn wir Angst spüren. Wir sind in alten Geschichten, Glaubenssätzen und unbewussten Anteilen unterwegs, die in der Vergangenheit leben. Und trotzdem greifen häufig die oben genannten Automatismen.
Denke ich zum Beispiel:
- Ich bin nichts wert --> ich muss etwas tun, um meine Wertlosigkeit zu kompensieren
- Ich kann nichts --> ich muss es dringend lernen, so tun, als ob ich es kann oder vor anderen verstecken, dass ich es nicht kann
- Ich weiß keine Antwort --> ich könnte als dumm gelten, also verstecke ich meine Unwissenheit
- Ich könnte verletzt werden --> das nehme ich als Gefahr wahr und verschließe mein Herz vorsorglich
- Ich könnte zu wenig Geld haben --> das will ich vermeiden und tue Dinge, um genug Geld zu haben.
Generell haben viele Ängste den Kern, das andere Menschen (oder wir selbst) unsere Minderwertigkeiten, Mängel und Unperfektheiten entdecken könnten. Wenn Menschen wirklich sehen, wer ich bin, wieso sollten sie mich dann noch mögen (Angst vorm Verlassenwerden). Manchmal sind sie auch existenzieller und münden in einer Angst vor dem Tod (nicht genug Geld, keine gesundheitliche Absicherung, ...). Die Angst vor "falschen" Entscheidungen macht uns handlungsunfähig.
Wenn wir versuchen, die Dinge zu vermeiden, die uns Angst machen, werden wir steuerbar. Wir konsumieren, stellen uns nach außen dar, nehmen Jobs an, die wir nicht wollen. Wir werden eng im Herzen und leben aus der Angst anstelle aus der Fülle heraus.
Doch was ist die Alternative?
Angst als Indikator hinzusehen und einzutauchen
Eine Alternative könnte sein, dass wir die Angst als Sprachrohr unseres Inneren sehen. Dann wird die Angst nicht mehr zu etwas, was wir vermeiden müssen, sondern sie kann uns dienen.
Wir können mit ihr in Dialog gehen und uns so besser kennenlernen und verstehen. Unbewusste Muster, Glaubenssätze und innere Anteile können uns bewusst werden, wenn wir der Angst zuhören anstelle sie wegzudrücken.
Wenn wir unser Herz für die Angst öffnen und uns fragen, was hinter der Angst steht, dann durchbrechen wir den Kreislauf, in dem die Angst uns in Flucht, Kampf, Erstarrung oder Vermeidung treibt.
Dann bringt uns die Angst jedes Mal ein wundervolles Geschenk der Selbsterkenntnis mit.
Beispiel:
Du hast Angst eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater zu sein.
Anstelle deine Funktion als Mutter/Vater zu optimieren und (noch) mehr zu geben, widmest du dich dieser Idee, du könntest ein schlechter Bezugsmensch für dein Kind sein. Was passiert, wenn das so ist? Welche Auswirkungen hat es auf dich und dein Kind? Warum ist es dir wichtig, eine gute Mutter/ein guter Vater zu sein?
Für mich ist es so: Erst, wenn ich mich meiner Angst stelle (und die kann sich in unterschiedlichen Facetten zeigen), kann ich frei von Angst die Mutter sein, die ich bin.
Wenn die Angst zu groß ist
Es kann Angst machen, sich seinen Ängsten zu öffnen. Häufig springen unsere Alarmsysteme an, dass wir nicht die Möglichkeit haben, in dem Moment der Angst das Herz zu öffnen.
Wichtig ist: Sich zu öffnen darf in einem sicheren Raum und Rahmen geschehen. Entweder wenn du daheim bist, mit Freunden oder allein. Oder mit einem Menschen, den du dir als Begleitung auswählst. Wenn du jedoch in der konkreten Angstsituation bist, zwinge dich nicht, dein Herz zu öffnen. Unsere Schutzmechanismen haben einen Sinn und helfen uns, sicher durch die Welt zu gehen. Auch wenn im Außen keine echte Gefahr ist, könnte es dein System überlasten, wenn du in dem Moment auch noch versuchst, dein Herz zu öffnen.
Der Weg des offenen Herzens, in dem du deine Ängste in dein Herz einlädst, ist sanft und weich. Auch wenn er nicht immer angenehm ist. Danach kommt häufig Erleichterung und ein Gefühl von Freiheit.
Fazit
Für mich ist die Angst ein missverstandener Wegweiser. Missverstanden, weil wir die Sprache des Herzens verlernt haben und oft nicht erkennen können, was hinter der Angst steckt. Was die Angst uns sagen möchte.
Abschluss
Wenn du deine Angst nicht länger bekämpfen, sondern als Wegweiser verstehen möchtest, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg. In einem sicheren Raum schauen wir gemeinsam hin – in deinem Tempo.
Quelle: https://pixabay.com/de/vectors/furcht-erschrocken-weglaufen-gejagt-9561724/