Fallstricke in der Begleitung – wenn Begleitung nicht mehr dient

23.01.2026

Dieser Text greift Fallstricke und Dinge auf, die bei der Begleitung schief laufen können. Er gibt dir Hinweise, wann eine Angebot dienlich sein kann und wann es besser ist, weiter Ausschau zu halten.

Wichtig ist mir hierbei andere Angebote nicht anzuklagen, sondern dir die Möglichkeit zu geben, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Die Dinge, die in dem Artikel erwähnt werden, stammen aus eigener Erfahrung und haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Absolutheit.

Sie zeigen eher, was mich ausmacht, was mir wichtig ist und worauf ich achte.

1. Wenn aus der Begleitung ein Projekt wird.

Du kommst mit deinem Thema zu deinem Begleiter und einer oder beide von euch machen deinen Prozess zu einem Projekt.

Zum Beispiel zum Projekt der Heilung.

Bei jedem Projekt können Nebenwirkungen auftreten. Die massivste und begrenzenste Wirkung ist, dass du nicht mehr gesehen wirst mit dem, was ist. Sondern nur geschaut wird, was es braucht, damit das Projekt erfolgreich abgeschlossen wird.

Unterm Strich, auch wenn das jetzt etwas absolut oder heftig klingt: Sobald dein Begleiter etwas für dich will und danach handelt, ist er nicht mehr frei zu sehen, was du brauchst.

Das Helfersyndrom

Dies kann zum Beispiel passieren, wenn der Begleiter ein (unbewusstes) Helfersyndrom hat. Sobald du den Raum betrittst, wird dir übergestülpt, dass du Hilfe brauchst. Du vielleicht sogar gerettet werden musst. Das nimmt dir indirekt die Macht, die dir inne wohnt. Und es überhöht den Begleitenden, als wüsste er besser, was du brauchst.

Jedenfalls ist das eine Dynamik, in die zwei Menschen schnell geraten. Vor allem wenn ein Mensch zu einem anderen Menschen geht und Unterstützung wünscht. Der Unterstützer wird oft aktiv und möchte Dinge für dich lösen. Es geht also nicht mehr um dich und was du tatsächlich brauchst. Sondern darum, dass der Begleiter sein Projekt, was er aus dir macht, möglichst zufriedenstellend für ihn selbst erfüllt.

Begleitung ist keine Einbahnstraße. Generell können zwischen Menschen Dynamiken entstehen, die sich gegenseitig bedingen. So braucht es für die Retter-Rolle immer auch jemanden, der sich retten lassen will. Ist nur ein Retter da, aber niemand, der diese Rolle annimmt, greift die Dynamik nicht.

2. Wenn der Begleiter den Raum nicht halten kann.

Dieser Aspekt hängt sehr mit dem ersten Aspekt zusammen. Wenn der Begleiter seinen eigenen Weg der Erkenntnis (wie auch immer du es nennen willst, vielleicht auch den Weg der Aufarbeitung) nicht geht, dann wird er bei deinen Themen getriggert. Und oft so sehr, dass er das, was bei dir ist, nicht halten kann. Weil es zu viel in ihm berührt. Wenn du zum Beispiel mit großer Trauer kommst und dein Gegenüber die Trauer nicht da sein lassen kann, kommen oft Lösungsvorschläge oder Beschwichtigungen, damit es dir besser gehen kann. Ziel ist dann aber eher, dass deine Trauer weg ist, damit der andere mit seiner eigenen Trauer nicht in Berührung kommen muss.

Wenn ein Begleiter von deinem Thema so berührt ist, dass er den Raum nicht (vollständig) halten kann, muss es nicht heißen, dass er sich seine Themen nicht anschaut. Sondern dass es eben Themen gibt, die ihn berühren. Dies bringt dein Begleiter dann auch transparent zum Ausdruck. Zum Beispiel indem er etwas sagt wie: "Das berührt mich gerade selbst so, dass ich erst Mal in mir schauen muss, was es braucht, damit ich mich dir zuwenden kann."

Wenn es aber ein Muster ist, dass dein Begleiter Themen die du mitbringt, nicht halten kann, dann prüfe, ob das weiterhin der stimmige Ansprechpartner für dich ist.

3. Wenn Symptombekämpfung statt Ursachenfindung stattfindet.

Vielleicht ist es mein eigenes Thema oder Faible. Ich bin Freundin von Ursachenfindung, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass das Symptom sich meist von allein löst, wenn die Ursache erkannt, angenommen und transformiert wurde. Symptombehandlung ist für mich nur ein Kaschieren von etwas, was in mir ist.

Es spricht nichts gegen Symptombehandlung, wenn gleichzeitig nach der Ursache geschaut wird. Und es spricht auch nichts gegen reine Symptombehandlung, es ist nur nicht mein Weg.

4. Wenn Veränderung der Fokus ist.

Häufig kommen Menschen mit einem gewissen Leiden zu mir. Sie leiden an Angst, Trauer, Wut oder anderen Dingen, die sie als unangenehm empfinden. Der erste Wunsch ist oft, ich will das loswerden. Und das kann ich sehr gut verstehen.

Auch hier ist die Frage: Möchtest du es nicht mehr merken (Symptombehandlung betreiben) oder nachhaltig lösen (Ursachenfindung angehen). Bei der Ursachenfindung geht es nicht darum, die Veränderung aktiv einzuleiten sondern den Grundstein zu legen, damit Veränderung stattfinden kann. Es wird also kein Kampf gegen das, was da ist. Sondern ein (innerer) Wandel, der Auswirkungen hat.

5. Wenn ein Ziel festgeschrieben wird.

Diese Auswirkungen, die durch den inneren Wandel stattfinden, sind nicht planbar.

Ich kann zwar ungefähre Abschätzungen treffen, ob das aber dann tatsächlich eintrifft, dafür gibt es keine Garantie. Und vor allem: Jeder Plan und Wunsch ist meist eingeschränkt. Wenn wir uns an dem Wunsch festhalten, dann kann nichts größeres bzw. anderes entstehen, was in dem Moment vielleicht passender wäre.

6. Ein (Heil-)Versprechen

Situationen sind multifaktoriell. Es bedeutet, dass die Situation von vielen unterschiedlichen Dingen beeinflusst wird. Nicht nur von der Qualität der Begleitung. Daher kann maximal ein ungefährer Ausblick gegeben werden. Angebote, die dir einen festen Ausgang versprechen, begrenzen nicht nur, sondern maßen sich auch an, Faktoren beeinflussen zu können, die nicht in ihrer Hand liegen.

7. Du dich von Qualifikationen blenden lässt

Qualifikationen können einen gewissen Hinweis darauf geben, ob ein Angebot "seriös" ist.

Doch die wichtigsten Qualifikationen finden im Leben statt. Und das Leben stellt keine Zertifikate aus.

Ein Problem, dass ich persönlich an Programmen mit Zertifikaten sehe ist, dass es einen gewissen Rahmen gibt, in dem Gedacht und Gelernt werden muss und darf. Wenn Menschen sich außerhalb des Rahmens bewegen, bekommen sie am Ende vielleicht kein Zertifikat. Bedeutet es aber, dass sie nicht qualifiziert sind oder nur, dass sie andere Dinge auch sehen und wichtig finden?

Qualifikationen sind also kein Hinweis auf schlechte oder gute Leistung. Sie zeigen vor allem den Weg, den der Mensch gegangen ist.

Ein Tipp

Hör auf dein Herz. Du kannst im Prinzip nichts falsch machen, auch wenn du bei einem Menschen bist, der den Raum noch nicht vollständig halten kann. Du wirst es spüren – und vielleicht irgendwann einen anderen Menschen als Begleitung wählen oder (erst mal) alleine weitergehen. Auch das ist ein wertvoller Schritt auf deinem Weg.

Merke: Ein Begleiter kann dich immer nur innerhalb seiner eigenen Grenzen begleiten.

Hat er zu enge Grenzen für dich, begrenzt er dein inneres Wachstum. Sind seine Grenzen jedoch sehr weit von deiner eigenen Wahrnehmung entfernt, kann die erlebte Unbegrenztheit in dir Angst auslösen.

Der Vorteil eines begrenzten Begleiters ist, dass er keine Minderwertigkeitsgefühle in dir auslöst. Ein Mensch, der den Weg bereits gegangen ist, wird hingegen oft auf ein Podest gestellt – und der eigene Mangel wird dadurch manchmal verborgen.

Das Schöne an einem Begleiter, der den Weg schon gegangen ist: Du darfst spüren, und er hält den Raum – für die Unbegrenztheit und die Angst, die sie auslösen kann. Er kann dir Dinge zeigen, die vorher keinen Raum hatten. Und: Er kann sich gut einfühlen, sieht deine Fähigkeiten, deine Bereitschaft und dein Potential – nicht aber deinen vermeintlichen Mangel.

Einladung zur Reflexion

Wie suchst du Menschen und Angebote heraus, von denen du dich begleiten lässt? Was hast du für Erfahrungen gemacht? Welche Dinge würdest du ergänzen und was siehst du anders?

Herzensgrüße
Franziska