
Wenn Worte weh tun – der Umgang mit Schmerz
Heute widme ich mich einem für mich besonderen Thema.
Solange ich mich zurückerinnern kann, habe ich immer wieder Worte gehört, die mir wehgetan haben. Worte, die mich tief berührt haben.
Früher
Früher habe ich automatisiert und unbewusst auf Worte reagiert, die mich verletzt haben. Ich bin in eine Verteidigungsposition gegangen, habe mein Herz verschlossen und oft zurückgeschossen. Daraus hat sich dann ein Kampf entwickelt, weil zwei Verletzte versucht haben, ihren Schmerz zu verbergen und nicht zu spüren. Anstelle dessen gab es den Versuch, den Schmerz auf den Gegenüber zu übertragen. Im Prinzip entwickelte sich ein Wettkampf. Wer kann mehr Schmerzen zufügen, wer geht zuerst zu Boden?
Jetzt
Mittlerweile hat sich in mir etwas geändert. Zum einen verletzen mich Aussagen weniger. Weil ich meinen eigenen Wert erkannt habe. Und weil mir bewusst ist: Was der andere über mich sagt, zeigt seine Weltsicht und sagt viel weniger über mich aus als über ihn.
Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich getroffen werde. Das ist menschlich und es geht im Leben für mich auch nicht darum, nicht mehr berührt zu werden.
Neulich kamen zwei Textnachrichten von einem Menschen, die es in sich hatten. Sie haben Traurigkeit, Wut und Unverständnis in mir ausgelöst. Doch der Wunsch, zurückzuschießen, blieb aus. Und das, obwohl die Nachrichten an Heftigkeit kaum hätten intensiver sein können.
Von der Reaktion ins bewusste Wahrnehmen

Manche Worte treffen uns wie Nadeln. Es gibt verschiedene Arten und Weisen, mit Verletzungen umzugehen. Wenn wir unbewusst sind, die Worte anderer glauben oder nicht an uns selbst glauben, läuft meist ein automatisierter Prozess ab.
Reiz (Worte des anderen) → Reaktion (Worte von mir an den anderen) → Reaktion des anderen und dann wieder von mir und immer so weiter.
Das geht dann oft so lange, dass am Ende keiner mehr weiß, worum es eigentlich ging.
Wenn wir jedoch nach dem Reiz innehalten, anstatt zurückzuschießen, spüren, was in uns berührt wird und erlauben, dass wir berührt sind, schwindet der Impuls, sich zu verteidigen, indem wir den anderen ebenfalls verletzen.
Wir erkennen den Schmerz in uns und erlauben, dass er da ist. Er kann sich zeigen, gespürt werden, da sein und irgendwann löst er sich von alleine, wenn wir ihm erlauben, da zu sein.
Wenn wir den Schmerz in uns zulassen und nicht aus ihm heraus reagieren, fällt die Antwort an den anderen ganz anders aus. Und der Teufelskreis wird durchbrochen.
Es reicht schon einer, der von der Reaktion ins bewusste Wahrnehmen geht, um die ganze Situation zu verändern.
Handlung aus dem Raum des bewussten Wahrnehmens
Wenn wir uns bewusst sind, welche Wunden der andere durch seine Worte aufgekratzt und sichtbar gemacht hat, können wir erkennen, dass die Wunde schon zuvor da war. Er hat keine neue Wunde kreiert, sondern nur in einer alten verkrusteten Wunde, der wir keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, herumgestochert.
Im Prinzip leistet der andere uns den Dienst, uns auf unsere unbewussten Wunden aufmerksam zu machen. Er ermöglicht es uns, hinzusehen. Zu erkennen, was wir von uns denken, wie wir zu uns stehen.
Annahme als Schlüssel
Wenn wir Dinge und Verhaltensweisen abwerten, dann wollen wir auf keinen Fall vom anderen mit diesen Dingen in Verbindung gebracht werden.
Ein Beispiel
Egoismus. Egoismus ist etwas, was in unserer Gesellschaft eher negativ gedeutet wird. Es gibt zwar schon bei manchen ein Bewusstsein darüber, dass es auch einen gesunden Egoismus gibt. Dennoch: Viele wollen nicht als egoistisch gelten.
Wenn nun mein Gegenüber davon überzeugt ist, dass ich egoistisch bin und mir dies vorhält, dann habe ich mehrere Möglichkeiten.
Ich wehre mich. Mit Worten oder Taten. Tue Dinge, die beweisen, wie weit ich vom Egoismus weg bin. Der andere hat indirekt Kontrolle über mich und mein Verhalten. Weil ich mich beweisen will.
Oder: Ganz unabhängig davon, ob das Urteil des Anderen stimmt oder nicht. Ich erlaube mir den Schmerz zu fühlen, den der andere bei mir berührt.
Ich schaue mir an, was ich an Egoismus ablehne und prüfe, ob es egoistische Anteile in mir gibt. Ich schaue, warum ich glaube, dass ich ihn überzeugen muss, dass es nicht stimmt. Warum ich ihm die Macht gebe, mich zu definieren und meine Wahrheit erst dann stimmt, wenn er seine Meinung über mich ändert.
Und: Ich erlaube mir, egoistisch zu sein. Nicht im Kopf sondern im Herzen. Nicht als Spiritual Bypassing, sondern indem ich mich mit meinen inneren Anteilen, Glaubenssätzen, Überzeugungen und Mustern auseinandersetze und ins Fühlen komme.
Wenn ich mir erlaube, egoistisch zu sein, dann kann kein Vorwurf des anderen mich zu einer unbewussten Reaktion bringen.
Was bedeutet das konkret?
Das heißt nicht, dass wir nicht für uns einstehen. Im Gegenteil. Wir stehen für uns ein – aus einem Raum der Klarheit. Wir wissen, wer wir sind. Wir haben den Schmerz angenommen und haben dem anderen die Grundlage für seine Angriffe genommen. Wir geben seiner Wahrheit keine Deutungshoheit mehr über unser Leben. So können wir ganz klar und präzise formulieren, was es in dem Moment braucht. Frei von Gegenvorwürfen, die das Ganze nur unnötig schmerzhaft machen und in die Länge ziehen.
Wir wählen unsere Worte bewusst und übernehmen die Verantwortung für unsere Wunden. Wir erkennen: Uns kann nur berühren, was schon in uns ist.
Was sind deine Erfahrungen?
Welche Worte verletzen dich besonders? Wann kannst du schon innehalten und ins Spüren gehen, anstelle zu reagieren?
Wenn du deinen Wunden gerne mehr Aufmerksamkeit schenken und sie "verarzten" möchtest, freue ich mich, wenn ich dich dabei begleiten darf. Melde dich gern und nimm Kontakt mit mir auf.
Herzliche Grüße
Franziska
Quelle des Titelbildes:
https://pixabay.com/de/photos/frau-weinen-tr%c3%a4nen-traurig-1867127/